Newsletter Dezember 2025
Zwischen Bau-Turbo und Umsetzung entscheidet sich, wie schnell neues Bauen Realität wird. Unser Dezember-Newsletter ordnet politische Entwicklungen ein, stellt neue Partner vor und gibt einen Ausblick auf die Schwerpunkte der KOALITION für HOLZBAU im Jahr 2026

Ausgabe vom
16. Dez. 2025
Der Jahreswechsel ist ein guter Moment, um einzuordnen und zugleich nach vorn zu schauen. 2025 war für die KOALITON für HOLZBAU ein Jahr intensiver politischer Gespräche, fachlicher Arbeit und wachsender Sichtbarkeit. Mit der neuen Bundesregierung, dem angekündigten Bau-Turbo und ersten regulatorischen Öffnungen kann Bewegung in den Wohnungsbau kommen. Entscheidend wird nun sein, ob aus politischen Ankündigungen praktische Umsetzung wird.
Genau hier setzt der politische Beitrag in diesem Newsletter an. Wir greifen zentrale Themen auf, die wir als KOALITION seit Langem adressieren: Genehmigungsprozesse, serielle und modulare Bauweisen, Digitalisierung der Verwaltung sowie die praktische Umsetzung CO2-reduzierten Bauens. Die Gespräche der vergangenen Wochen zeigen dabei, dass der Dialog mit Politik und Verwaltung trägt – jetzt kommt es darauf an, die neu erarbeiteten Spielräume konsequent zu nutzen.
Neben der politischen Einordnung empfehlen wir unseren Leserinnen und Lesern ausdrücklich das Interview mit Professor Thomas Auer von der TU München. Es ist fachlich anspruchsvoll, zugleich sehr klar in der Analyse und wirft einen differenzierten Blick auf das Zusammenspiel von Baukultur, Innovation und regulatorischen Rahmenbedingungen. Für mich ist das ganz klar ein Gespräch, das über den Tag hinausweist.
Mit Finch Buildings und Urbansky Architekten stellen wir zudem zwei neue Partner der Koalition vor, die exemplarisch zeigen, wie modernes, serielles und qualitätsvolles Bauen heute gedacht und umgesetzt wird.
Der Jahresausklang ist zugleich der Auftakt in ein neues Arbeitsjahr. Am Donnerstag, den 15. Januar 2026, laden wir zum traditionellen Neujahrsempfang der KOALITION für HOLZBAU in die Lettische Botschaft ein. Im Mittelpunkt steht diesmal die Digitalisierung des Planens und Bauens – ein Thema, das für Beschleunigung, Qualität und Umsetzungskraft zentral ist. Ergänzend dazu findet am 28. Januar unser parlamentarisches Frühstück statt, bei dem wir den Austausch mit Abgeordneten und politischen Entscheidern fortsetzen.
2026 wird ein ebenso anspruchsvolles Jahr – lassen Sie uns die Aufgaben gemeinsam anpacken!
Ich wünsche eine informative Lektüre,
Ihre Sun Jensch
Klar positioniert für das Jahr 2026

Das jüngste Gespräch der KOALITION für HOLZBAU mit Alexander Slotty, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, bestätigt unseren Ansatz, konkret mit politischen Entscheidern und Gesellschaft ins Gespräch zu gehen.
Gemeinsam mit Eva Weiß, Dr. Rut Herten-Koch und Gudrun Sack stand eine Frage im Mittelpunkt: Wie kommen serielle, modulare und CO₂-reduzierte Bauweisen endlich aus der Einzelprojektlogik heraus und in die Breite der Praxis?
Dieser Befund ist – wie so oft – durchweg bekannt, aber deshalb nicht weniger drängend. Serielles Bauen wird nach wie vor durch Doppelprozesse, Einzelzulassungen und lange Genehmigungsverfahren ausgebremst. Typengenehmigungen sind möglich, aber schwerfällig und in der Umsetzung nur zu häufig zur Manufakturarbeit. Wer jedes Modul, jede Verbindung und jede Bauart immer wieder neu prüfen muss, verhindert Skalierung, darunter leiden Geschwindigkeit, Wirtschaftlichkeit und Klimawirkung. Die Diskussion machte daher deutlich: Wer seriell bauen will, braucht auch serielle Genehmigungsprozesse.
Hinzu kommen neue Rahmenbedingungen, die bislang kaum mitgedacht werden. Die EU-Wiederherstellungsverordnung wird über nationale Maßnahmenpläne auch Auswirkungen auf Ausgleichsflächen und Planungsverfahren haben, das gilt gerade in verdichteten Städten. Umso wichtiger ist es, Bauweisen zu stärken, die flächensparend, leicht und ressourcenschonend sind. Der Holzbau bietet hier konkrete Antworten, und wir als KOALITION setzen uns dafür ein, die Akzeptanz dafür weiter auszubauen.
Werfen wir einen Blick auf den Gebäudetyp E, dann sehen wir sehr deutlich, dass Vereinfachung wirkt, wenn man sie zulässt. Dank dem Gebäudetyp E lassen sich mit leicht reduzierten Standards spürbaren Kostensenkungen erreichen, ein weiterer wichtiger Bestandteil auf dem Weg zum kostengünstigeren Bauen. In Verbindung mit seriellen Holzbausystemen eröffnet dies neue Spielräume für mehr bezahlbaren Wohnraum. Voraussetzung sind jedoch Mut, verlässliche Anerkennungsverfahren und klare Regeln, die bundesweit greifen. Gleiches gilt übrigens auch für den Bestand: Aufstockung, Umbau und Nachverdichtung sind zentrale Hebel für CO₂-reduziertes Bauen. Hier ermöglicht Holz kürzere Bauzeiten und geringere Eingriffe als der konventionelle Bau.
Allein in Berlin werden in den kommenden Jahren rund 30 Prozent aller Angestellten in den Ruhestand gehen. Vor diesem Hintergrund darf die Digitalisierung des Baugenehmigungsverfahrens nicht als Zukunftsfrage abgetan werden, wir haben es vielmehr mit einer Notwendigkeit zu tun. BIM-basierte Bauanträge und digitale Genehmigungen schaffen Transparenz, klare Prüfschritte und verlässlichere Abläufe. Für den industriellen Holzbau bedeutet das: weniger Reibungsverluste, noch mehr Tempo, noch bessere Abstimmung zwischen Planung, Genehmigung und Ausführung.
Auch auf Bundesebene ist Bewegung. Der Bau-Turbo ist ein wichtiger erster Schritt, ebenso die angekündigte Plattform für kostengünstiges Bauen und der Aktionsplan für biobasierte Baustoffe. Entscheidend wird sein, ob diese Initiativen konsequent auf skalierbare, industrielle Bauweisen ausgerichtet werden. Fördermittel entfalten nur dann Wirkung, wenn sie nicht in experimentellen Einzelvorhaben versanden, sondern verlässlich dort ankommen, wo Unternehmen investieren, Kapazitäten aufbauen und Technologie weiterentwickeln.
Für die KOALTION für HOLZBAU bleibt damit klar: Es braucht modernisierte Bauordnungen, praxistaugliche Vergabe, digitale Verfahren und nicht zuletzt eine gezielte Qualifizierung von Verwaltungen und Planern. Genau daran arbeiten wir auch 2026 weiter – im Dialog mit Politik und Verwaltung und mit konkreten Vorschlägen und der Erfahrung aus der Praxis.
„Wir müssen Bauen neu erfinden“

Thomas Auer, TU München (Bild: Tassilo Letzel, TUM Department of Architecture)
Ein Gespräch mit Thomas Auer, Professor an der Technischen Universität München, über Typenbau, Innovation und die Grenzen von Standards
Herr Professor Auer, wenn über innovatives Bauen gesprochen wird, landet man schnell bei Materialien. Sie sprechen lieber über Skalierung. Was heißt das für Sie konkret?
Wenn wir über Innovation sprechen, dann nie im luftleeren Raum. Wir haben zwei zentrale Herausforderungen. Die erste ist die Transformation des Bestands. Also die Frage, wie wir den vorhandenen Gebäudebestand nachhaltig umbauen. Die zweite ist die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Alles, was wir als Innovation bezeichnen, muss für beide Felder einen Beitrag leisten. Sonst ist es eine technische Spielerei, aber kein Fortschritt im Gebäudesektor.
Viele hoffen darauf, dass Bauen wieder günstiger wird, wenn man Standards reduziert. Weniger Normen, weniger Anforderungen, weniger Kosten. Sie warnen davor. Warum?
Weil ich die Erwartung für unrealistisch halte. Wir können über Standards reden, wir sollten das sogar tun. Aber niemand sollte glauben, dass die Absenkung technischer Standards die Probleme des bezahlbaren Wohnens löst. Wenn wir ernsthaft Mieten im Bereich von 10 bis 12 Euro pro Quadratmeter erreichen wollen, bedeutet das in vielen Lagen, dass wir für grob die Hälfte der heutigen Kosten bauen müssten. Also komplett gedacht – inklusive Grundstück – in einer Größenordnung von etwa 2.500 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Das ist eine Dimension, die wir allein über Normerleichterungen nicht erschließen.
Sie haben lange in Nordamerika geplant, wo Schallschutz- und Sicherheitsregeln oft weniger streng sind. Viele in Deutschland sagen: „Die Kanadier beweisen, dass es auch einfacher geht.“ Widersprechen Sie?
Zumindest differenziere ich. Meine Erfahrung ist: In Mitteleuropa bauen wir extrem wirtschaftlich, wenn man Kosten und Qualität zusammendenkt. In den USA habe ich immer gesagt: Wir bauen für 50 Prozent mehr Geld bei 50 Prozent weniger Qualität. Das ist überspitzt, trifft aber den Punkt. Deswegen bin ich skeptisch, wenn man nach Kanada blickt und daraus ableitet, dass eine Reduzierung von Standardqualitäten unseren Kostendruck entscheidend löst. Wir würden an einigen Stellen anders bauen, teils richtiger, aber nicht in der Größenordnung günstiger, die wir bräuchten.
Wenn Standards nicht der große Hebel sind – wo liegt dann das Potenzial?
Wir müssen das Thema breiter sehen. „Standard“ ist nicht nur das, was in Normen steht. Es ist auch das, was wir als Gesellschaft stillschweigend voraussetzen. Tiefgaragen und Stellplatzschlüssel zum Beispiel. Das sind riesige Kostentreiber und für die CO₂-Bilanz alles andere als hilfreich. Oder der Keller als Abstellfläche, der im Einfamilienhaus wie im Geschosswohnungsbau fast selbstverständlich mitgebaut wird. Das sind gewachsene Gewohnheiten, nicht Naturgesetze. Darüber müssen wir genauso reden wie über Schallschutz oder Brandschutz.
Und die Wohnungsgröße selbst ist auch so ein stillschweigender Standard.
Genau. Schauen Sie 100 Jahre zurück. Die Grundrisse waren deutlich ineffizienter. Und selbst in den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. Früher waren vier Zimmer auf 105 bis 110 Quadratmeter fast gesetzt. Heute schaffen wir ähnliche Zimmerzahlen auf 80 bis 85 Quadratmetern. Die Frage ist: Müssen wir noch kleiner werden, wenn wir bezahlbare Mieten wollen? Und wie machen wir das, ohne die Wohnungen unbrauchbar zu machen?
Sie haben sich in einem Forschungsprojekt intensiv mit Gebäudetiefen und Typologien beschäftigt. Was war der Ausgangspunkt?
Wir haben gemerkt, dass in Deutschland die Gebäudetiefe als Parameter bisher erstaunlich wenig Beachtung findet. In Zürich und anderen Schweizer Städten wird das seit 10 bis 15 Jahren systematisch bearbeitet. Gleichzeitig hören wir von Wohnungsunternehmen denselben Satz: Wir brauchen kleine Wohnungen mit vielen Zimmern. Die alleinerziehende Mutter braucht drei Zimmer – Schlafzimmer, Kinderzimmer, Wohnzimmer – aber eben nicht auf 90 Quadratmetern, sondern eher auf 60. Sonst ist die Wohnung nicht bezahlbar.
Und diese Forderung kollidiert mit der Möblierbarkeit.
Exakt. Wenn die Wohnung immer kleiner wird, werden die Räume schmaler. Irgendwann passt kein Bett mehr hinein, kein Schrank. Deswegen haben wir zwei Dinge betrachtet: die Möblierbarkeit und die Tagesbelichtung, inklusive natürlicher Lüftung. Wir wollten wissen, wo unter diesen Randbedingungen sinnvolle Grenzen der Gebäudetiefe liegen.
Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Unter den untersuchten Voraussetzungen liegt das Optimum bei einer lichten Geschosshöhe von 2,80 Metern, einer Spänner-Erschließung und einer Gebäudetiefe von 17 Metern. Wir haben verschiedene Typologien durchgespielt – Laubengang, Mittelflur, Spänner, Hofhaus – und Gebäudetiefen von 12 bis 20 Metern untersucht. Parallel dazu vier unterschiedliche Raumhöhen und einen Verglasungsanteil von 10 bis 20 Prozent bezogen auf die Grundfläche. Dazu kamen Kostenberechnungen und Tageslichtsimulationen. Am Ende ergibt sich ein Optimum, allerdings nicht in dem Sinne, dass 17 Meter plötzlich eine revolutionär andere Welt wären als 16 oder 18 Meter. Aber es ist der Punkt, an dem Nutzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Belichtung sehr gut zusammenfinden.
Das klingt fast nach dem optimalen Wohnungsbautyp.
Unter bestimmten Randbedingungen, ja. Wenn man Bezahlbarkeit, angemessenes Wohnen und zeitgemäße Wohnkarrieren zusammendenkt, lassen sich typologische Optima definieren. Aber die entscheidende Botschaft ist: Wir können nicht mehr jedes Projekt als Unikat denken. Wir brauchen wieder stärker ein typologisches Denken, das über das einzelne Grundstück hinausreicht.
Manche sprechen vom „Pinguin-Prinzip“ als Bild für energieeffiziente Gebäude. Was hat die Biologie mit Typenbau zu tun?
In der Biologie ist es relativ simpel: Je kälter der Lebensraum, desto größer werden die Pinguine. Das Verhältnis von Volumen zu Außenfläche wird günstiger, der Wärmeverlust sinkt. In wärmeren Regionen sind pinguinartige Vögel deutlich kleiner, dort spielt dieses Verhältnis eine geringere Rolle. Übertragen auf Gebäude heißt das: Wenn wir tiefer und kompakter bauen, reduzieren wir die Außenfläche im Verhältnis zum Volumen. Das verbessert die energetische Performance und kann Material einsparen. Deswegen untersuchen wir Gebäudetiefen so genau.
Klingt so, als bräuchten wir „dickere Pinguine“ im Wohnungsbau.
So ist es. Dickere Pinguine in Form tieferer, kompakterer Gebäude. Aber auch da gibt es Randbedingungen. In Ludwigsburg, wo wir ein konkretes Grundstück untersucht haben, bewegen wir uns nicht in einer Dichte, in der wir eine Geschossflächenzahl von 2,5 oder 3 realisieren müssen. Wenn wir in Innenstädten mit hohen Dichten und einer Hochhausgrenze arbeiten, werden Raumhöhe und Konstruktion schnell zum begrenzenden Faktor. Im Holzbau etwa haben wir durch den Schallschutz ein dickeres Deckenpaket. Dann bekommen Sie unterhalb der Hochhausgrenze keine sechs Geschosse mehr unter. In vielen Mittel- und Kleinstädten ist diese Grenze aber gar nicht der entscheidende Parameter. Dort kann die Fläche die Großstadtprobleme eher lösen als die Großstädte selbst.
Sie haben Ihre Untersuchungen in Holz gerechnet. Warum?
Weil Holz in vielen Konstellationen eine relevante Rolle spielt und wir seine Potenziale präzise kennen müssen. In dem Projekt haben wir Kosten- und Lebenszyklusbetrachtungen auf Basis einer Holzstruktur gemacht. Man hätte das auch mit mineralischen Baustoffen rechnen können, das Delta zwischen den Varianten wäre ähnlich geblieben. Entscheidend war die Systematik, nicht der einzelne Baustoff.
Sie sprechen oft vom „neuen Bauen“. Was meinen Sie damit?
Der Begriff ist natürlich eine Anspielung auf das Bauhaus, das in seiner Zeit den Bau neu erfunden hat. Ich bin überzeugt, dass wir heute wieder an so einem Punkt stehen. Wir müssen Bauen neu denken. Nicht als radikale Abkehr vom Bestehenden, sondern als bewusste Kombination: nachwachsende Baustoffe wie Holz und Stroh, kombiniert mit mineralischen Baustoffen dort, wo sie Vorteile bringen. Etwa beim sommerlichen Wärmeschutz. Holz allein wird nicht alle Antworten liefern. Die Herausforderung besteht darin, intelligente hybride Systeme zu entwickeln, die CO₂-Bilanz, Dauerhaftigkeit, Nutzungsqualität und Kosten zusammenbringen.
Lassen Sie uns zum Schluss noch über Technik sprechen. Neubauten haben heute Technikräume wie kleine Rechenzentren. Server, Gateways, Steuerungen – selbst in der Mietwohnung. Ist das für Sie ein notwendiger Fortschritt?
Ich halte vieles davon für eine Fehlentwicklung. Gebäude werden heute gerne mit Autos verglichen: immer mehr Software, immer mehr Elektronik. Aber die Analogie hinkt. Ein Auto wird wenige Jahre genutzt, ein Wohngebäude mehrere Jahrzehnte. Und Wohnen erfüllt Grundbedürfnisse. Diese Bedürfnisse wollen Menschen nicht in dauerhafter Abhängigkeit von komplexer Technik organisiert wissen.
Woran machen Sie das fest?
An der Lebenswirklichkeit. Die Luft, die durchs offene Fenster kommt, empfinden wir intuitiv als angenehmer als die aus einem Kanal. Tageslicht aus dem Fenster ist etwas anderes als künstliches Licht aus einem Panel. Und niemand möchte sein Wohlbefinden dauerhaft von einem überladenen Interface abhängig machen, das alle paar Jahre ein neues Betriebssystem braucht. Wir schaffen Erneuerungszyklen, die im Wohnungsbau keinen Sinn ergeben. Technikräume, die nur noch von IT-Spezialisten verstanden werden, sind dafür ein Symbol.
Was wäre die Alternative?
Wieder mehr Aufenthaltsqualität durch Architektur und Materialität schaffen, nicht durch komplexe Technik. Ein Lichtschalter, den jeder versteht und der 100 Jahre funktioniert, ist keine nostalgische Idee. Es ist ein robustes Interface zwischen Mensch und Gebäude. Wenn wir innovativ bauen wollen, sollten wir unsere Energie in kluge Typologien, gute Grundrisse, geeignete Materialien und sinnvolle Hybridkonstruktionen stecken. Und weniger in Touchpanels, die nach zehn Jahren niemand mehr warten kann, weil sich Software und Hardware längst weiterentwickelt haben.
Mehrgeschossig, modular und dauerhaft – Holzbau für den kommunalen Bestand

Finch Buildings, Pasteur in Haarlem / Niederlande, Render: Faro Architecten
Ein Gespräch mit Cynthia van der Hoeven, Finch Buildings
Sie haben ein Bausystem entwickelt, das schneller und nachhaltiger sein soll als traditionelle Baumethoden, und erwägen nun als niederländisches Unternehmen den Eintritt in den deutschen Markt.
Finch Buildings gibt es seit elf Jahren. Unser Gründer Jurrian Knijtijzer hat sehr früh verstanden, dass wir ein Klimaproblem haben und dass der Wohnungsbau dazu einen erheblichen Beitrag leistet. Damals war die Wohnungsnot noch nicht so sichtbar wie heute. Für uns war trotzdem klar: Wenn wir ernsthaft etwas verändern wollen, müssen wir im mehrgeschossigen Wohnungsbau ansetzen und nicht bei Einfamilienhäusern. Heute planen und entwickeln wir serielle 3D-Holzbaumodule für Wohnungen. Wir haben inzwischen über 1.000 Wohnungen realisiert und arbeiten aktuell an weiteren Projekten. Da ist der Schritt nach Deutschland der nächste logische Schritt – der Markt ist sehr groß und die Nachfrage nach zeitgemäßen Wohnungen enorm, erst recht in nachhaltiger Bauweise.
Sie setzen bei Finch bewusst auf mehrgeschossigen modularen Holzbau. Was unterscheidet Ihren Ansatz von anderen Anbietern?
Wir bauen reine Holzhäuser. Die Böden und Decken bestehen dabei aus Kreuzlagenholz. Die Stützen und Träger sind aus Brettschichtholz. Die trennenden Wände und Fassaden werden in einem klassischen Holzständersystem aufgebaut. Beton verwenden wir nur dort, wo es sinnvoll und notwendig ist, etwa bei Gründungen, die ohnehin im Verantwortungsbereich des Bauunternehmens liegen. Zudem haben wir uns bewusst gegen eine eigene Fabrik entschieden und produzieren nicht selbst. In den Niederlanden gibt es mehrere Holzbaubetriebe, die hervorragende Arbeit leisten. Ihnen fehlen aber häufig die Aufträge und das Know-how im modularen Geschosswohnungsbau. Genau an dieser Stelle kommt unsere Expertise zum Tragen. Wir bringen Projekte, Systematik und Erfahrung mit, die Betriebe bringen ihre Fertigungskompetenz ein. Das ist ökonomisch vernünftiger und sorgt dafür, dass Wissen im Markt breiter ankommt.
Wer sind Ihre Auftraggeber in den Niederlanden?
Derzeit sind unsere wichtigsten Kunden kommunale und öffentliche Wohnungsunternehmen. Sie müssen wirtschaftlich bauen und brauchen verlässliche Qualität. Deshalb ist es uns wichtig, dass unterschiedliche Werke mit unserem System arbeiten können. Das schafft Wettbewerb und macht es möglich, für jedes Projekt den geeigneten Fertigungspartner zu finden.
In den Niederlanden wird viel über temporäre Lösungen für 15 oder gar nur zehn Jahre gesprochen, in Deutschland wollen Sie in den Bestand. Ist das nicht ein Widerspruch?
In den Niederlanden gibt es seit einigen Jahren einen eigenen Markt für sogenannte flexible Wohnungen, zum Beispiel für Geflüchtete oder andere Gruppen, die schnell zusätzlichen Wohnraum benötigen. Diese Gebäude sind bewusst auf einen begrenzten Nutzungszeitraum ausgelegt, wir können die Wohnungsmodule nach zehn, 15 Jahren wieder ab- und anderswo neu aufbauen.
Sind kurzfristige Lösungen genauso hochwertig wie Langfristprojekte?
Man sieht einigen Gebäuden mit einer kürzeren Standdauer die Kompromisse schon an: bei der Ausführung, bei den Materialien und manchmal auch beim Komfort. Gleichzeitig behaupten viele Anbieter, ihre Lösungen seien einfach versetzbar und wiederverwendbar. In der Praxis stimmt das nicht immer. Wir haben uns deshalb klar entschieden: Unsere Wohnungen sollen langlebig sein. Wir investieren viel Engineering in die Verbindungstechnik. Unsere Module lassen sich technisch zwar versetzen, aber vor allem erfüllen sie die Anforderungen an dauerhafte Wohngebäude. Die Bewohner wollen bleiben, und die Bauherren bekommen Gebäude, die sich auch in Jahrzehnten noch verantworten lassen. Für mich hängt beides zusammen: Klimaschutz und Qualität. Wer ernsthaft über Holzbau reden will, darf an der Qualität nicht sparen.
Ein aktuelles Beispiel ist Ihr Projekt in Haarlem. Dort errichten Sie 179 Wohnungen, davon 158 in modularer Holzbauweise. Können Sie hier auf die Besonderheiten eingehen?
Bei diesem Vorhaben werden in einem bestehenden Quartier mit überwiegend kommunalem Bestand alte Gebäude durch neue ersetzt. Für diese 158 Wohnungen fertigen wir 322 Module, also rund zwei Module je Wohnung. Die Produktion läuft in einem niederländischen Werk, während vor Ort die alten Gebäude abgerissen und die neuen Fundamente errichtet werden. Das ist ein wichtiger Punkt: Wir nutzen die Parallelität der Prozesse. Die Module werden im Werk vollständig vorgefertigt, inklusive Bad, Leitungsführung und sämtlicher technischer Ausstattung. Alles wird dokumentiert, geprüft und dann freigegeben. Wenn die Fundamente fertig sind, sind es die Module auch. Die Bauzeit vor Ort wird dadurch deutlich verkürzt und die Qualität ist gut kontrollierbar.
In Deutschland werden Modul- und Holzbau oft mit der Frage nach den Kosten und dem Brandschutz verknüpft. Wie gehen Sie mit diesen Themen um?
Das Bauen insgesamt ist teuer geworden, in Deutschland wie auch in den Niederlanden. Das liegt aber nicht am Holz. Holz ist inzwischen wieder deutlich günstiger geworden. Teuer wird es, wenn Projekte sich in die Länge ziehen, wenn Personal knapp ist und wenn auf der Baustelle noch vieles „unter freiem Himmel“ gelöst wird. Mit modularen Holzgebäuden verlagern wir einen Großteil der Arbeit in die Fabrik. Dort arbeiten Teams unter kontrollierten Bedingungen. Toleranzen bewegen sich im Millimeterbereich, Prüfungen und Freigaben sind dokumentiert. Auf der Baustelle selbst geht es dann schnell: stellen, anschließen, fertig. Die Standzeiten auf der Baustelle werden deutlich reduziert, und damit sinken auch die Risiken beim Bauen. Außerdem sind unsere Baukosten vergleichbar mit traditioneller Bauweise und in manchen Fällen sogar niedriger. Die Praxis hat uns gezeigt, dass wir die Kosten von Anfang an sehr genau einordnen können, was zu einer deutlich besseren Planbarkeit führt.
Und mit Blick auf den Brandschutz?
Beim Brandschutz ist die Lage ähnlich wie in Deutschland. Auch in den Niederlanden ist die Lobby der klassischen Baustoffe stark, und der Regulierungsrahmen ist anspruchsvoll. Wir investieren deshalb kontinuierlich in Prüfungen und Brandtests. Entscheidend ist am Ende, wie die Konstruktion aufgebaut ist. In vielen unserer Gebäude sind Stützen, Träger und Decken aus Holz sichtbar, während die übrigen Flächen mit Gips verkleidet sind. So lassen sich die Anforderungen erfüllen, ohne dass das Prinzip des Holzbaus aufgegeben wird. Und natürlich bleiben wir eng an den Normungsgremien sowie an der aktuellen Forschung dran.
Sie sind jetzt Partner in der KOALITION FÜR HOLZBAU. Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit, gerade mit Blick auf den deutschen Markt?
Wir sehen den deutschen Markt als logischen nächsten Schritt. Wir bringen Erfahrung aus mehrgeschossigen Holzmodulprojekten mit – technisch, organisatorisch sowie auch wirtschaftlich. Was wir brauchen, sind starke Partner vor Ort. Erstens suchen wir Betriebe, die Lust haben, in den modularen Holzbau einzusteigen oder ihr Profil in diesem Bereich zu schärfen. Wir möchten gemeinsam ausloten, wo unser System andocken kann. Zweitens brauchen wir Auftraggeber und Auftragnehmer: kommunale und genossenschaftliche Wohnungsunternehmen, Projektentwickler und zudem Generalunternehmer. Unsere Projekte in den Niederlanden zeigen, dass modularer Holzbau gerade im kommunalen Segment sehr gut funktionieren kann. Und drittens ist die regulatorische Seite für uns entscheidend. In Deutschland gibt es 16 Bundesländer mit unterschiedlichen Vorgaben, insbesondere beim Brandschutz. Die KOALITION FÜR HOLZBAU bringt hier viel Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Wir möchten verstehen, wie wir unsere Erfahrungen aus den Niederlanden sinnvoll übertragen können und wo wir uns anpassen müssen. Wenn wir als Partner der KOALITION zeigen können, dass mehrgeschossiger modularer Holzbau auch im kommunalen Kontext funktioniert, ist viel gewonnen. Und wir kommen sehr gerne nach Deutschland, um zu zeigen, wie wir in den Niederlanden bereits arbeiten, inklusive der Dinge, die dort gut funktionieren, und der Dinge, die wir lieber anders machen würden.
„Holz darf kein Nischen- oder Imageprodukt bleiben“

URBANSKY Architekten (Foto: URBAN RUTHS)
Ein Gespräch mit Malte Schröder und Marcus Schröger, den Gründern und Geschäftsführern des Berliner Architektur- und Designbüros URBANSKY, über ihren Community- und Senior-Living-Ansatz sowie die Erwartungen an die Koalition für Holzbau.
Sie führen ein Architekturbüro in Berlin und entwickeln seit vielen Jahren Projekte für Baugemeinschaften und Community-Living-Konzepte. Sie verlassen die herkömmliche Strategie vieler Ihrer Kollegen.
Wir sind ein Architekturbüro in Berlin und arbeiten seit vielen Jahren dort, wo klassische Marktlogiken an ihre Grenzen kommen, etwa Baugruppen, Baugemeinschaften und alternative Wohnformen. Wir entwickeln und betreuen Projekte, in denen Menschen gemeinsam Eigentum schaffen, sich organisieren und am Ende anders zusammenleben als in einem üblichen Mehrfamilienhaus. Daraus ist ein Profil entstanden, das von Mehrgenerationenprojekten über Inklusionswohnen bis hin zu Senior-Living-Konzepten reicht. Unsere Stärke ist die Schnittstelle: Wir bringen Bauherrengruppen, Betreiber, Stiftungen und Kommunen zusammen und begleiten die Projekte von der ersten Idee bis zur Nutzung.
Was unterscheidet Ihren Ansatz von klassischen Investorenprojekten?
Wir können Projekte entwickeln, ohne dass ein Investor dazwischen sitzt, der zweistellige Renditen braucht. In vielen Fällen sichern sich die Gemeinschaften selbst ein Grundstück, wir entwickeln gemeinsam ein Konzept, planen und steuern den Prozess. Das Ergebnis sind Eigentumsmodelle mit einem hohen Grad an Mitbestimmung und sehr klarer Zielgruppe, etwa Senior Living oder Community Living, bei deutlich schlankerer Marge. Wir sehen gerade beim Senior Living, dass dieser Ansatz auf enorme Resonanz stößt: Viele Menschen im dritten Lebensabschnitt suchen bewusst kleinere, gut organisierte Wohnformen, also eine Kombination aus weniger eigener Verpflichtung und mehr Gemeinschaft. Genau dort treffen wir einen sehr konkreten Bedarf.
Sie sprechen von Senior Living und Community Living. Wer sind Ihre Zielgruppen – und wie bleibt das bezahlbar?
Typisch sind Menschen 50 plus, deren Kinder aus dem Haus sind, deren Einfamilienhaus zu groß geworden ist und die spüren: Noch einmal 20 Jahre Garten und Vollsanierung wollen wir nicht, gleichzeitig wollen wir mobil bleiben und reisen. Wir verbinden das mit klar definierten Angeboten: überschaubare Einheiten, gemeinschaftliche Räume, optionaler Service – und ein strukturiertes Modell, das dabei hilft, das alte Haus geordnet zu verwerten. Dadurch entsteht eine Verkleinerung auf hohem Niveau, aber eben nicht als Luxusprodukt, sondern in einem Segment, das sich eine breitere Mittelschicht noch leisten kann. Dass wir keine zusätzlichen Bauträgermargen und Investorenerwartungen finanzieren müssen, ist dafür zentral.
Wo kommt in Ihren Projekten der Holz- und Holzhybridbau ins Spiel?
Holz war bei uns nie ein Exot, sondern immer Teil der Praxis. Ein wichtiges Projekt war ein sechsgeschossiges Inklusionswohnhaus in Berlin-Wilmersdorf für Aktion Mensch und die Stephanus-Stiftung. Daneben haben wir Holzbau in Schulprojekten umgesetzt und entwickeln gerade ein ehemaliges Ferienlager in Mecklenburg zu einem Ensemble von Holzhäusern in Baugemeinschaftsstruktur weiter. Unser Ansatz ist pragmatisch: Wir planen dort in Holz oder Holzhybrid, wo es baulich, wirtschaftlich und städtebaulich Sinn ergibt. Bei Nachverdichtung auch mal hybrid, bei freien Lagen gern seriell und konsequent in Holz. Entscheidend ist für uns, dass der Baustoff als nachwachsender Rohstoff genutzt wird und wir in zirkulären Kreisläufen denken: sortenreine Konstruktionen, trennbare Bauteile, realistische Rückbau- und Recyclingoptionen.
Welche Hürden erleben Sie aktuell im Holzbau?
Technisch ist vieles gelöst, aber im engen, verdichteten Bestand stoßen wir mit reinen Holzbauten schnell an Grenzen. Das betrifft häufig Brand- und Abstandsflächen, komplexe Genehmigungsverfahren und enge Blockränder. Dort landen wir oft in sinnvollen Hybriden. Die größere Hürde ist mental und finanziell: Manche Banken und Bauträger hängen immer noch dem Märchen nach, ein Holzbau halte weniger lang als ein Massivbau. Gleichzeitig ist der Markt insgesamt träge, gerade im Wohnungsbau. Projekte, die eigentlich perfekt für Holzbau wären, scheitern dann an Gewohnheit, Wahrnehmung und internen Checklisten. Umso wichtiger sind belastbare Referenzen und seriell gedachte Holzbauprojekte, die zeigen: Das funktioniert, das ist dauerhaft und wirtschaftlich tragfähig.
Sie sind nun auch Mitglied der KOALITION für HOLZBAU geworden. Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit?
Zum einen möchten wir unseren eigenen Holzbauanteil weiter ausbauen und uns fachlich schärfen – im Austausch mit anderen Büros, mit Herstellern und mit Bauherren. Wir bringen viel Erfahrung aus dem Wohnungsbau sowie aus Community- und Senior-Living-Projekten mit; die wollen wir gezielt einbringen, wenn es um neue Wohnformen im Holzbau geht. Zum anderen geht es uns um das große Ganze: Holz darf kein Nischen- oder Imageprodukt bleiben. Jeder Bauherr, der heute im großen Maßstab in Beton denkt, muss sich ernsthaft mit den CO₂-Folgen auseinandersetzen. Holzbau bietet hier realistische Alternativen – nicht in jedem Projekt, aber in sehr viel mehr Projekten als heute realisiert werden. Von der KOALITION für HOLZBAU erwarten wir, dass sie genau diesen Perspektivwechsel unterstützt: über politische Arbeit, über gemeinsame Projekte und über eine Debatte, die sich nicht von Mythen leiten lässt, sondern von praktischer Erfahrung.