Die Diskussion über die Zukunft des Bauens verändert sich derzeit spürbar. Lange Zeit standen vor allem einzelne Technologien, Materialien oder politische Förderinstrumente im Mittelpunkt. Inzwischen rückt zunehmend eine andere Frage in den Vordergrund: Wie schaffen wir es, Planung, Genehmigung, Fertigung und Umsetzung wieder besser miteinander zu verbinden?
Der politische Beitrag dieses Newsletters blickt dazu nach Baden-Württemberg. Der neue Koalitionsvertrag setzt bemerkenswert deutlich auf Vereinfachung, Verfahrensbeschleunigung und den Abbau regulatorischer Komplexität. Interessant ist dabei weniger die einzelne Maßnahme als die dahinterliegende Haltung. Verwaltung soll wieder stärker ermöglichen, Prozesse sollen effizienter werden und Genehmigungen verlässlicher. Gerade für serielle und industrielle Bauweisen ist das von großer Bedeutung.
Wie grundlegend sich das Bauen derzeit verändert, beschreibt auch Professor Dr. Alexander Stahr von der HTWK Leipzig im Interview sehr präzise. Der Holzbau wird dort weniger als Materialfrage verstanden, sondern zunehmend als Organisations-, Fertigungs- und Prozesslogik. Themen wie industrielle Vorfertigung, digitale Informationsketten und durchgängige Planung rücken stärker in den Mittelpunkt. Gleichzeitig zeigt sich, wie sehr bestehende Regelwerke und organisatorische Brüche viele Entwicklungen noch verlangsamen.
Auch die weiteren Beiträge verdeutlichen, dass die eigentlichen Hebel häufig tiefer liegen als in der öffentlichen Debatte vermutet. Es geht um die Frage, wie Unternehmen mithilfe künstlicher Intelligenz organisatorische Abläufe verbessern, Informationen strukturieren und Komplexität beherrschbarer machen können. Dazu veranstaltet die KOALITION für HOLZBAU eine Veranstaltung, auf die wir Sie herzlich aufmerksam machen möchten.
Das Interview mit Lutz Keßels vom QUARTIER am HUMBOLDTHAIN zeigt zugleich, wie wichtig frühzeitige Abstimmung und kooperative Prozesse für große Stadtentwicklungsprojekte geworden sind. Gerade in gewachsenen innerstädtischen Strukturen entstehen tragfähige Lösungen häufig dort, wo Planung, Politik, Nachbarschaft und Entwicklung früh miteinander ins Gespräch kommen.
Ich wünsche Ihnen eine informative Lektüre.
Ihre
Sun Jensch
Geschäftsführerin der KOALITION für HOLZBAU
Deshalb müssen wir uns mit KI beschäftigen – von Sun Jensch

Künstliche Intelligenz wird derzeit in nahezu jeder Branche diskutiert. Auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft vergeht kaum eine Veranstaltung ohne Hinweise auf Automatisierung, Effizienz oder digitale Geschäftsmodelle. Interessant ist jedoch, viele Empfehlungen wirken erstaunlich abstrakt. Zwischen Buzzwords, Softwaredemonstrationen und großen Zukunftsversprechen entsteht häufig der Eindruck, die Branche müsse lediglich das nächste Tool installieren, um plötzlich produktiver zu werden.
Seien wir ehrlich: Die Realität und die Veränderungen, die wir derzeit erleben, sind deutlich komplizierter. Mich treiben dabei mehrere Fragen um: Wie lernen Unternehmen überhaupt, künstliche Intelligenz sinnvoll in ihre Arbeitsrealität und vor allem ihr Firmennetzwerk zu integrieren? Wo entsteht tatsächlich Mehrwert? Wo liegen Grenzen und Risiken? Welche Prozesse lassen sich sinnvoll automatisieren und welche gerade nicht? Und wie verhindern wir, dass aus technischer Euphorie am Ende nur zusätzliche Komplexität entsteht?
Gerade die Bau- und Immobilienwirtschaft ist geprägt von komplexen Abstimmungen, Genehmigungsprozessen, Dokumentationen und Schnittstellen zwischen Planung, Entwicklung, Ausführung und Betrieb. Ein erheblicher Teil dieser Abläufe funktioniert bis heute erstaunlich manuell. Nicht umsonst sprechen wir in unserer Branche vom „People’s Business“. Genau darin liegt für mich das eigentliche Potenzial künstlicher Intelligenz.
KI wird niemals Erfahrung, Kreativität oder unternehmerische Entscheidungen ersetzen. Wir müssen lernen, sie als Werkzeug zu verstehen und einzusetzen. Als organisatorische und strukturelle Unterstützung, um Reibung vorzubeugen, Informationen besser zu ordnen und Prozesse effizienter zu koordinieren.
Eva Weiß, Geschäftsführerin der BUWOG Bauträger GmbH hat dazu kürzlich gesagt: „Als wir den manuell getriebenen Genehmigungsprozess analysiert haben, war schnell klar, dass er viel Potenzial hat, automatisiert zu werden.“
Die größte Herausforderung wird sichtbar, sobald man die internen Abläufe der Unternehmen genauer betrachtet. Die eigentlichen Hebel befinden sich deutlich tiefer in den organisatorischen Strukturen der Unternehmen. Tillmann Schütt von der Gebr. Schütt KG hat das bemerkenswert klar formuliert: „Echte Skalierung im Holzbau findet nicht auf der Baustelle statt, sondern tief in unseren Prozessen.“
Im Alltag und dem Transformationsprozess bleibt die praktische Anwendung im eigenen Unternehmensalltag entscheidend. Ich merke das auch bei mir selbst. Wenn ich mit KI arbeite, wünsche ich mir oft jemanden neben mir, der auf denselben Bildschirm schaut, mitdenkt, hinterfragt und eigene Erfahrungen einbringt.
Genau hier setzt unsere Veranstaltung „KI.NEXT LEVEL“ an. Es geht nicht um klassische Frontalbeschallung oder die nächste technologische Heilslehre. Im Mittelpunkt stehen drei praxisorientierte Workshops für Projektentwickler, Bauunternehmen und Planer. Wir wollen gemeinsam diskutieren, voneinander lernen und konkrete Erfahrungen austauschen. Im Fokus stehen reale Prozesse, praktische Herausforderungen und genau jener Austausch zwischen Praktikern, Unternehmern und KI-Experten.
Das Programm wurde bewusst so aufgebaut, dass die Teilnehmer mitgenommen werden und von den KI-Experten und anderen Teilnehmern lernen können. Uns interessiert die praktische Frage, wie künstliche Intelligenz unsere tägliche Arbeit verändert, wo echter Mehrwert entsteht, wo Grenzen liegen und wie wir gemeinsam besser im Umgang mit diesen Technologien werden können.
Endlich. Baden-Württemberg.

Effizienz und Engineering sind die Wohltuzutaten, die Deutschland groß gemacht haben. In den vergangenen Jahren ist uns beides auf erschreckende Weise abhandengekommen. Baden-Württemberg zeigt aber gerade jetzt bemerkenswert offen, wie man dieses Wissen und diese Expertise wieder hervorholen kann.
Das eigentlich Überraschende daran lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Der Koalitionsvertrag zwischen Bündnis 90/Die Grünen und CDU in Stuttgart spricht erstaunlich wenig über große Visionen. Stattdessen geht es um etwas deutlich Unromantischeres: Genehmigungen, Dokumentationspflichten, Verwaltungsabläufe, Zuständigkeiten und die Frage, warum Planen und Bauen in Deutschland inzwischen vielerorts so kompliziert, unmöglich und unbeherrschbar geworden ist. Für uns, bei der Koalition für Holzbau, steht fest: Genau hierin liegt der e eigentliche Durchbruch dieses Koalitionsvertrags.
Kaum ein anderer Bereich zeigt das so deutlich wie das Planen und Bauen. Immer neue Dokumentationspflichten, zusätzliche Zertifizierungen, komplexe Genehmigungswege und eine stetig wachsende Zahl technischer Vorgaben haben dazu geführt, dass selbst einfache Bauvorhaben inzwischen wie hochkomplexe Sonderfälle behandelt werden.
Baden-Württemberg setzt hier nun bemerkenswert offensiv und innovativ an. Der Wind, der hier weht, ist atlantisch. Das Land plant nicht nur Vereinfachungen im Baurecht und schnellere Genehmigungen. Interessant ist aus unserer Sicht vor allem die dahinterliegende Einstellung. Mit dem geplanten Effizienzgesetz werden Berichts- und Dokumentationspflichten zum 31.12.2027 automatisch auslaufen, sofern ihre Notwendigkeit nicht aktiv begründet wird – in einem neuen Antrag. Das ist eine stille Revolution. Anders kann man es kaum beschreiben. Hinzu kommen Reallabore für neues Baurecht, Genehmigungsfiktionen und ein Belastungsmoratorium gegen zusätzliche regulatorische Verschärfungen.
Das ist weit mehr als klassische Verwaltungsmodernisierung. Was wir mit diesem Koalitionsvertrag sehen, ist der ernst gemeinte Versuch, die bisherige Logik des Ausbremsens in eine Logik des Unterstützens und Ermöglichens umzukehren.
Natürlich betrachten wir diese Entwicklung durch die Perspektive des modernen Holzbaus. Diese Brille werden und müssen wir auch nicht ablegen. Gerade für den seriellen und modularen Holzbau ist die Entwicklung in Baden-Württemberg von enormer Bedeutung. Vorgefertigtes Bauen funktioniert grundlegend anders als klassische Einzelprojektlogiken. Genau deshalb reagiert der Holzbau ja auch besonders sensibel auf langsame Genehmigungen, unterschiedliche Auslegungen von Vorschriften und immer neue Einzelfallentscheidungen. Wenn ein modular gedachtes Projekt monatelang auf Freigaben wartet, steht längst nicht mehr nur eine Baustelle still. Verzögert werden ganze Prozessketten, industrielle Abläufe und, vor allem auch Investitionsentscheidungen.
Und was sehen wir jetzt in Baden-Württemberg? Genau dort schafft ein Bundesland, das seit jeher Innovationen hervorgebracht hat, den konkreten und pragmatischen Bruch mit verkrusteten Strukturen. Ein Befreiungsschlag, der nach vorne blickt und Möglichkeiten eröffnet, die über Jahre ausgebremst wurden.
Der Koalitionsvertrag aus dem Südwesten strahlt damit weit über die Landesgrenzen hinaus. Während die regulatorische Komplexität vielerorts nahezu ungebremst weiterwächst, versucht Baden-Württemberg erstmals wieder, Verwaltung als Ermöglichung zu verstehen. Andere Bundesländer gehen aktuell den entgegengesetzten Weg. Berlin etwa führt ein Mietkataster ein. Wir wissen alle, was das bedeutet: noch mehr Verwaltungsaufwand, noch weniger Lust auf Neubau.
Unabhängig davon, welche Technologien eingesetzt werden – ob Holzbau, serielles Bauen oder konventionelle Bauweisen –, stellt sich Baden-Württemberg gerade einer entscheidenden Frage: Ist ein deutsches Bundesland überhaupt noch in der Lage, Innovation pragmatisch zu ermöglichen?
Die Antwort der neuen Landesregierung lautet erfreulicherweise: ja. Wir können Innovation. Auch dann, wenn wir sie in den vergangenen Jahren administrativ immer wieder ausgebremst haben. Andere Bundesländer täten gut daran, sehr genau hinzuschauen.
„Wir bauen einen neuen Kiez“

Lutz Keßels, Geschäftsführer der Quartier am Humboldthain GmbH
Ein Gespräch mit Lutz Keßels, Geschäftsführer der Quartier am Humboldthain GmbH, über nachhaltige Quartiersentwicklung, kooperative Prozesse und die Rolle innovativer Bauweisen in der Stadt.
Sie entwickeln mit dem QUARTIER AM HUMBOLDTHAIN ein neues Stadtquartier mitten in Berlin. Was ist der zentrale Anspruch dieses Projekts?
Mit dem Quartier am Humboldthain betreten wir in gewisser Weise städtebauliches Neuland. Klar, wir entwickeln ein Quartier, das in Bezug auf Nachhaltigkeit, Nutzungsmischung und städtebauliche Qualität Maßstäbe setzt – das sagen viele Projektentwickler, und das mag sogar häufig stimmen. Was das QAH unterscheidet, ist, dass wir dieses Quartier nicht in einem Neubaugebiet bauen, sondern mitten in der Stadt. Und das kommt bei den Ausmaßen und Qualitäten wirklich sehr selten vor. Bestand und Neubau, Denkmal und Zentralität sind hier schon besonders.
Bei dem notwendigen Rückbau der ehemaligen Großrechner-Fabrik von Nixdorf gehen Sie dabei einen ungewöhnlich differenzierten Weg.
Der Rückbau ist für uns ein integraler Bestandteil der Projektentwicklung. Wir setzen, wo immer es geht, auf Re-Use statt auf Recycling. Das bedeutet: Wir reißen die vorhandene Struktur nicht einfach ab, sondern zerlegen sie systematisch in ihre Bestandteile, sortieren die Materialien und führen sie, soweit möglich, wieder in den Wertstoffkreislauf zurück. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie und verändert auch die Perspektive auf das, was wir als Ressource verstehen.
Nachhaltigkeit beginnt demnach schon vor dem eigentlichen Bauen.
Beim Quartier am Humboldthain wird das tatsächlich von Beginn an als Teil des Prozesses berücksichtigt. Der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbes von COBE Architekten aus Kopenhagen war dafür eine perfekte Basis. Schon im Bebauungsplan haben wir großen Wert darauf gelegt, Themen wie Stadtklima, Entsiegelung und Wasserhaushalt mitzudenken. Das Konzept der Schwammstadt war dabei ein wichtiger Baustein, ebenso wie Gründächer, Freiräume und ein zentraler Quartierspark. Diese Aspekte prägen den Städtebau von Anfang an.
Das Quartier ist in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum planungsrechtlich umgesetzt worden. Das hat einiges Aufsehen erregt.
Der entscheidende Faktor war der kooperative Ansatz. Wir sind sehr früh in den Dialog mit dem Bezirk, mit dem Land Berlin, mit Anwohnern und weiteren Stakeholdern gegangen, zu einem Zeitpunkt, als es noch keinen fertigen Entwurf gab. Wir haben dann auch nicht eine Lösung präsentiert, sondern zunächst gefragt, welche Erwartungen und Bedürfnisse es gibt. Diese Offenheit hat den Prozess beschleunigt, weil sie Vertrauen geschaffen und Konflikte früh adressiert hat oder gar nicht erst hat entstehen lassen.
Das klingt nach einem bewussten Gegenentwurf zur klassischen Projektentwicklung.
Wir sind überzeugt, dass große innerstädtische Projekte heute nur im Dialog funktionieren. Wenn man versucht, ein Projekt ausschließlich aus der eigenen Perspektive heraus zu entwickeln, wird es schwierig. Der kooperative Prozess kostet am Anfang vielleicht mehr Zeit, zahlt sich aber im weiteren Verlauf aus, das haben wir beim Bebauungsplan am Humboldthain erlebt, und ich würde das auf jeden Fall wieder so machen.
Sie denken das Quartier nicht nur funktional, sondern auch sozialräumlich. Sie sprechen von einem „Kiez“.
Für uns und die Stadt ist entscheidend, dass hier ein lebendiger Ort entsteht. Wir entwickeln ein Umfeld, in dem Menschen arbeiten, sich versorgen, sich begegnen und ihren Alltag organisieren können. Dazu gehören Gastronomie, Freizeitangebote, kulturelle Nutzungen und soziale Infrastruktur genauso wie klassische Arbeitsplätze. Unser Ziel ist es, einen neuen Kiez zu schaffen, ganz konkret als funktionierendes und integriertes Stück Stadt.
Welche Rolle spielen dabei innovative Bauweisen, etwa der Holzbau?
Wir sollten uns als Gesellschaft eine Frage stellen: Wollen wir die Nachhaltigkeitsziele auch im Neubau erreichen? Wenn ja, dann sind Holzbau und hybride Ansätze dafür essenziell, insbesondere mit Blick auf CO₂-Bilanz und Ressourceneffizienz. Das bedeutet aber nicht, dass wir materialdogmatisch vorgehen, sondern vielmehr lösungsorientiert und technologieoffen. Entscheidend ist doch, dass die gewählten Bauweisen die Anforderungen des Projekts bestmöglich erfüllen.
Das Quartier am Humboldthain ist Partner der KOALITION für HOLZBAU geworden. Was sind Ihre Erwartungen?
Den Ausschlag gab in erster Linie der Netzwerkgedanke. Die KOALITION für HOLZBAU schafft Sichtbarkeit und bringt Akteure zusammen, die sich mit innovativem Bauen beschäftigen, von der Planung über die Ausführung bis hin zur politischen Ebene. Das ist für ein Projekt unserer Größenordnung sehr wertvoll, weil viele Fragestellungen zu Nachhaltigkeit, seriellen Ansätzen und neuen Bauweisen nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven sinnvoll gelöst werden können. Wir möchten das vorhandene Netzwerk nutzen, um uns intensiv auszutauschen und gleichzeitig unsere Erfahrungen aus einem großen innerstädtischen Projekt einzubringen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Im Gespräch mit Professor Dr. Alexander Stahr, HTWK Leipzig

Professor Dr. Alexander Stahr, HTWK Leipzig
Professor Stahr, der Holzbau wird derzeit intensiv diskutiert, gleichzeitig entsteht oft der Eindruck, dass zwischen Forschung, Planung und praktischer Umsetzung noch immer erhebliche Reibungsverluste bestehen. Wo liegt aus Ihrer Sicht das eigentliche Problem?
Prof. Dr. Alexander Stahr: Wir haben das Thema Bauforschung in Deutschland über viele Jahre zu wenig gewertschätzt, und zwar weit über den Holzbau hinaus. Das Bauen war lange stark handwerklich organisiert, viele Forschungsfragen bewegten sich deshalb vor allem im Bereich von Bemessung, Regulierung und Normung. Die Themen Fertigungsprozesse, Produktionslogik oder digitale Prozessketten standen viel weniger im Mittelpunkt, obwohl genau dort enorme Potenziale liegen.
Sie beschreiben den Holzbau damit eigentlich weniger als Materialfrage, sondern als Organisationsfrage.
Stahr: Der Holzbau ist gerade deshalb so interessant, weil er Türen öffnet in Richtung industrieller Fertigung, Vorfertigung und systematischer Prozesse. Forschung kann dort eine wichtige Rolle spielen, das hat mehrere Gründe. Zum einen macht Forschung Dinge reproduzierbar, indem sie Abläufe strukturiert untersucht, zum anderen sichern wir technische Entwicklungen methodisch ab. Genau diese Verbindung zwischen wissenschaftlicher Systematik und praktischer Umsetzung hat am Bau lange gefehlt.
Sie sprechen bewusst von Prozessen und Fertigungslogiken. Bedeutet das auch, dass sich Forschung stärker an der Realität der Baustellen und Werkhallen orientieren muss?
Stahr: Wir erleben gerade, dass sich viele Themenfelder erst jetzt wirklich öffnen. Ich finde, Hochschulen und Universitäten müssen viel stärker bereit sein, gemeinsam mit Unternehmen an konkreten Fragestellungen zu arbeiten, auch in kleineren und schnelleren Formaten. Bei uns sind fast alle Projekte Kooperationen mit Unternehmen. Das ist wichtig, weil die Bauwirtschaft sehr projektgetrieben und dynamisch arbeitet. Forschung darf sich davon nicht entkoppeln. Wir müssen näher an die praktischen Prozesse heran, an Fertigung, Montage, Digitalisierung und Logistik, genau dort entscheidet sich am Ende, ob Innovation tatsächlich auf der Baustelle ankommt.
In Ihren Projekten beschäftigen Sie sich intensiv mit digitalen Prozessketten und industrieller Vorfertigung. Sie haben einmal gesagt, das eigentliche Problem am Bau seien oft die Informationsbrüche. Was meinen Sie damit konkret?
Stahr: Der Bauprozess besteht heute aus sehr vielen einzelnen Schritten, die zwar digital stattfinden, aber häufig nicht wirklich miteinander verbunden sind. Informationen werden erzeugt, weitergegeben, verändert und dann wieder neu eingegeben. Genau an diesen Übergängen entstehen Verluste, Missverständnisse und Fehler, und wir sprechen da von allen Teilbereichen, von der Planung bis hin zu Fertigung und Montage.
Wir arbeiten deshalb an Projekten, bei denen diese Informationsketten möglichst durchgängig organisiert werden. Ein Beispiel ist die Nutzung von Augmented Reality in der Fertigung und Montage. Dort geht es darum, Informationen direkt am Bauteil oder am Montagetisch verfügbar zu machen, damit bestimmte Schritte präziser und effizienter ausgeführt werden können.
Hat das denn überhaupt noch etwas mit Bauen im klassischen Sinne zu tun?
Stahr: Der Bau wird in Zukunft viel stärker als logistischer Prozess verstanden werden müssen. Genau das sehen wir im Holzbau bereits sehr deutlich. Die industrielle Vorfertigung zwingt dazu, früh Entscheidungen zu treffen und Prozesse sauber aufeinander abzustimmen. Wenn Sie mit hochintegrierten, vorgefertigten Bauteilen arbeiten, können Sie auf der Baustelle nicht mehr improvisieren wie früher. Dann muss die Informationslogistik genauso funktionieren wie die Materiallogistik.
Sie sprechen damit eigentlich von einem grundlegenden Kulturwandel im Bauen.
Stahr: Ja, weil sich damit auch die Anforderungen verändern. Der Holzbau ist heute wahrscheinlich die. – wenn man das so sagen kann – technologisierteste Bauweise überhaupt. Die Maschinen in der Fertigung arbeiten hochpräzise, viele Prozesse sind digital gesteuert. Gleichzeitig haben wir aber noch immer Schnittstellen und Abläufe, die aus einer anderen Zeit stammen. Genau daraus entstehen diese Brüche, die Projekte kompliziert und teuer machen.
Trotz dieser technologischen Entwicklung entsteht beim Holzbau oft der Eindruck, dass zusätzliche Vorschriften und Sonderregelungen die Prozesse wieder verlangsamen. Ist das aus Ihrer Sicht tatsächlich ein strukturelles Problem?
Stahr: Wir haben im Bauwesen insgesamt bereits eine sehr hohe Regelungsdichte. Gleichzeitig wird der Holzbau häufig noch mit zusätzlichen Anforderungen versehen, etwa über „Sonderrichtlinien“ oder ergänzende Nachweise. Dadurch entstehen mehrere Ebenen von Regulierung, die parallel wirken und Prozesse noch komplexer machen.
Das Problem ist dabei weniger die einzelne Norm. Problematisch wird es, wenn sich Regelungen überlagern und ständig erweitert werden, ohne regelmäßig zu prüfen, ob sie noch sinnvoll oder zeitgemäß sind. In anderen Ländern geht man damit teilweise flexibler um.
Lassen Sie uns doch einmal einen Blick auf die Schweiz werfen.
Stahr: Dort gibt es – meiner Kenntnis nach - in bestimmten Bereichen die Regelung, Normen mit einer Art Ablaufdatum zu versehen. Das bedeutet, dass Standards nach einem Zeitraum von 10 Jahren auf ihre Sinnfälligkeit hin evaluiert werden. Ich finde diesen Gedanken charmant, weil sich Technologien, Materialien und Prozesse heute deutlich schneller verändern als früher und weil es ein Weg ist, die „Einbahnstraße“ aus sich stetig erweiternden Regulierungen und Vorschriften auch „in der Gegenrichtung befahrbar“ zu machen.
Der Holzbau wird also teilweise mit Maßstäben bewertet, die noch aus einer anderen Bauwirklichkeit stammen.
Stahr: Das erleben wir durchaus. Viele Regelwerke stammen aus einer Zeit, in der industriell vorgefertigte Systeme in dieser Form noch gar keine große Rolle gespielt haben. Heute arbeiten wir mit hochpräzisen Fertigungsprozessen und digitalen Modellen, gleichzeitig laufen Genehmigungs- und Nachweisverfahren noch nach sehr klassischen Mustern. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt Reibung. Deshalb müssen wir stärker darüber sprechen, wie wir Innovationen so in die Anwendung bringen ermöglichen kann, dass sie nicht direkt an inhaltlich oder organisatorisch widersprüchlichen Regulierungen scheitern.
Der Holzbau wird häufig mit modularen und seriellen Konzepten verbunden. Gerade bei Architekten gibt es oft die Sorge, dass dadurch gestalterische Qualität verloren geht. Wie schauen Sie auf diese Debatte?
Stahr: Ich finde, man muss hier sehr genau unterscheiden bzw. Begriffe präzise nutzen. Modulbau, Tafel- und Skelettbauweise sind gleichsam modular wie seriell, beinhalten aber gravierende Unterschiede in der räumlichen, wie gestalterischen Flexibilität. Teilweise entstehen hochqualitative Systeme, bei denen industrielle Fertigung und architektonische Qualität sehr gut zusammenfinden. Es gibt aber auch Projekte, bei denen man versucht, sehr einfache Standardlösungen gestalterisch nachträglich zu kaschieren. Das überzeugt dann oft weder technisch noch architektonisch wirklich.
Sie sprechen von einer Art Etikettenschwindel.
Stahr: Das ist ein Begriff der stark polarisiert und ich möchte gern anmerken, dass mir die „Zwänge der Praxis“ (Termine, Kosten, Gewerketrennung usf.) durchaus vertraut sind, wenn ich wahrnehme, dass es schon auch Projekte gibt, in denen tatsächlich versucht wird, industrielle Standardisierung im Nachhinein gestalterisch zu überdecken. Wenn gleichsam die innere Struktur eines Gebäudes geometrisch vollständig standardisiert ist, außen aber eine individuelle Architektur behauptet wird, dann entsteht da für mich ein Widerspruch. Ich glaube, dass gute Architektur gerade im seriellen Bauen daraus entsteht, dass Konstruktion, Nutzung und Gestaltung zusammen gedacht werden. Der Holzbau bietet dafür aufgrund seiner großen technologischen und gestalterischen Vielfalt sehr gute Voraussetzungen.
Das heißt, Standardisierung und architektonische Qualität schließen sich für Sie gar nicht aus.
Stahr: Die industrielle Fertigung eröffnet sogar neue Möglichkeiten, weil Präzision und Wiederholbarkeit sehr hoch sind. Entscheidend ist, wie intelligent die Systeme entwickelt werden. Der Fehler liegt oft darin, dass man Standardisierung mit gestalterischer Vereinfachung verwechselt. Dabei kann gerade die Vorfertigung Freiräume schaffen, wenn die Prozesse sauber organisiert sind.
Der Holzbau wird häufig über Nachhaltigkeit argumentiert. Sie sprechen dagegen erstaunlich oft über Prozesse, Auslastung, Fertigung und Terminlogik. Hat die Branche zu lange in den falschen Kategorien diskutiert?
Stahr: Die ökologischen Argumente bleiben wichtig, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Gleichzeitig wird sich der Holzbau dauerhaft nur dann weiter etablieren, wenn er auch ökonomisch und organisatorisch überzeugt. Am Ende ist sowohl für die private Bauherrschaft als auch für den institutionellen Anleger, als auch für Projektträger oder Immobilienentwickler von entscheidender Bedeutung, ob Termine eingehalten werden, ob Prozesse funktionieren und ob Kosten kalkulierbar bleiben. Genau dort liegen die großen Stärken industrieller Vorfertigung.
Der Holzbau bringt dafür grundsätzlich sehr gute Voraussetzungen mit, weil viele Prozesse aufgrund der hohen Informationsdichte in den deutlich weiter ausgearbeiteten, digitalen Planungsmodellen der Architekten und Ingenieure präzise planbar sind und ein hoher Vorfertigungsgrad möglich wird. Das verändert aber auch die Anforderungen an Planung und Projektorganisation. Entscheidungen müssen früher getroffen werden, Abläufe müssen sauber vorbereitet sein und Fertigungskapazitäten brauchen eine kontinuierliche Auslastung.
Sie beschreiben den Holzbau damit fast als industrielle Infrastrukturfrage.
Stahr: Der Vergleich passt durchaus. Wer industriell fertigt, braucht stabile Prozesse und eine gewisse Kontinuität. Eine hoch automatisierte Fertigung lässt sich schwer wirtschaftlich betreiben, wenn Projekte permanent unterbrochen werden oder jedes Vorhaben wieder völlig neu gedacht wird. Deshalb hängen Themen wie Standardisierung, Typisierung und verlässliche Genehmigungsprozesse auch unmittelbar mit Wirtschaftlichkeit zusammen. Diese Entwicklungen bestätigt auch der Markt, der sich langfristig immer dort hinbewegt, wo Prozesse effizient organisiert sind und Projekte verlässlich umgesetzt werden können.
Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken, wie stark wird sich der Holzbau aus Ihrer Sicht tatsächlich verändern?
Stahr: Ich glaube, dass wir gerade erst am Anfang einer größeren Entwicklung stehen. Der Holzbau wird weiter wachsen, davon bin ich überzeugt. Gleichzeitig sollte man die Erwartungen realistisch halten. Ein Holzhaus ist kein Mobiltelefon. Ich kann eben nicht in ein paar Sekunden per Update per digitalem Updaten einen Konstruktionsfehler korrigieren oder einer Wohnung einen neuen Zuschnitt verpassen. Auch entstehen zusätzliche bzw. zusätzlich erforderliche Kapazitäten in der Fertigung nicht über Nacht und zu guter Letzt dürfen wir die Transformation von Planungs- und Genehmigungsprozessen nicht aus dem Auge verlieren und sollten die dort – dem Holzbau durchaus aufgeschlossen gegenüberstehenden – Akteure mitnehmen bzw. direkt an die Entwicklungen in der Praxis und in der Forschung anbinden.
Wenn ich abschließend noch einen– über den Tellerrand des Holzbaus hinaus gehenden - Satz ergänzen darf, dann möchte ich anmerken, dass ich vor allem interessant finde, dass viele Themen, die heute im Holzbau diskutiert werden, perspektivisch für das gesamte Bauwesen relevant werden. Die Frage, wie wir digitale Prozessketten organisieren, wie wir industrielle Fertigung integrieren oder wie wir Informationen durchgängig nutzbar machen, betrifft ja nicht nur einen Werkstoff. Der Holzbau ist in vielen dieser Bereiche schlicht früher unterwegs. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf den Holzbau, auch unabhängig von der Materialfrage.
5. Parlamentarische Fachtagung
Bauen.Next: Zukunft gestalten, Realität beschleunigen
Am 7. September 2026 findet in Berlin die 5. Parlamentarische Fachtagung der KOALITION für HOLZBAU statt. Im Mittelpunkt stehen der Austausch mit politischen Entscheidern sowie Vertretern aus Verwaltung und Praxis zu aktuellen Fragen der Bau- und Wohnungspolitik. Die Veranstaltung bietet Raum für fachliche Diskussionen, Networking und die Einordnung zentraler Weichenstellungen für innovatives Bauen.
Die Seminare der HOLZBAU-AKADEMIE

Online-Seminar: Ökobilanz im Gebäudebereich – Chancen und Herausforderungen im modernen Holzbau
Der Dozent:
Benedikt Scholler
Der Termin:
28. Mai 2026 10:00 - 12:00 Uhr
Der Holzbau spielt eine zentrale Rolle in der Transformation hin zu einer nachhaltigen Bauwirtschaft. Die Erfassung und Bewertung der Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – von der Rohstoffgewinnung bis zum Rückbau – ist heute ein wichtiger Baustein für ökologisch verantwortungsbewusstes Planen und Bauen.
Dieses Seminar vermittelt praxisnahes Wissen zur Erstellung und Bewertung von Ökobilanzen mit Fokus auf den modernen mehrgeschossigen Holzbau. Neben der Vorstellung relevanter Normen und Tools wird gezeigt, wie sich Materialwahl, Konstruktion und Nutzung auf die Umweltwirkung eines Gebäudes auswirken. Die Ökobilanzierung ist ein wichtiger Teil der ESG-Anforderungen und der Taxonomie. Ziel ist, dass Sie das Thema Ökobilanzierung nach den aktuellen Anforderungen und Ihren firmenspezifischen Sustainable-Reportings umfassender verstehen und anwenden können.
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Online-Seminar: Zulassungsverfahren richtig und effizient beantragen – Brandschutzplanung sicher auf die Bauweise anpassen
Der Dozent:
Dr. Sebastian Hauswaldt
Der Termin:
03. Juni 2026 14:00 - 16:00 Uhr
Gerade beim seriellen und modularen Bauen sind aus den Schutzzielen heraus die Auflagen und Zulassungsverfahren komplex. Planer und Bauherren stehen bei innovativen Bauweisen häufig vor der Herausforderung, dass neue Bauprodukte oder Bauarten nicht durch bestehende Technische Baubestimmungen abgedeckt sind. Eine allgemeine Bauartgenehmigung (aBg) für eine innovative Bauart kann schon mal bis zu sieben Jahre dauern, könnte aber ein Instrument für eine serielle Zulassung sein. Auch die Zustimmung im Einzelfall (ZiE) und die vorhabenbezogene Bauartgenehmigung sind aufwendige Zulassungsverfahren, die zudem noch in den 16 Bundesländern unterschiedlich behandelt werden. Um die Zulassungsverfahren effizient und planungssicher zu gestalten, geht der Dozent auch auf die professionelle Brandschutzplanung ein. Brandschutznachweise oder Sonderbaukonzepte für den Holz- oder Modulbau erfordern Kenntnisse der bauordnungsrechtlichen Anforderungen sowie die Berücksichtigung der speziellen Bauarten und welche Abweichungstatbestände nach §67 MBO bzw. § 85a MBO der Landesbauordnungen und den jeweiligen Technischen Baubestimmungen möglich sind.
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Online-Seminar: Witterungsmanagement und Schadensprävention bei Holzbauvorhaben
Die Dozenten:
Prof. Patrik Aondio und Jonathan Fries
Der Termin:
22. Juni 2026 14:00 - 16:00 Uhr
Die Holzbaustelle vor Schäden schützen: Im Vergleich mit dem klassischen Massivbau hat der Holzbau auf der Baustelle seine ganz eigenen Anforderungen und gleichwohl Besonderheiten. Hierzu gehört ein professionelles Feuchtemanagement zur Verhinderung von teuren und langwierigen Schadens- und Mängelbehebungen.
Insbesondere Erfahrungen mit Schäden durch Wassereintritt machen deutlich, wie wichtig durchdachte Schutzmaßnahmen im Holzbau sind. Fachleute aus Forschung und Praxis berichten aus erster Hand über typische Herausforderungen auf der Baustelle – etwa beim Feuchtemanagement, in der Anschlusstechnik oder bei der Abdichtung – und zeigen auf, wie sich Schäden wirksam vermeiden lassen. Anhand konkreter Produktlösungen wie luft- und winddichten Folien, diffusionsoffenen Systemen sowie Abdichtkomponenten für Durchdringungen werden praxiserprobte Maßnahmen vorgestellt, die helfen, Holzbaustrukturen dauerhaft zu schützen und Bauabläufe sicherer und effizienter zu gestalten.
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